Bericht zur Veranstaltung „Wie können wir morgen heizen?“ am 21.09.2022 in der Kelter

Auf Einladung des Ortsverbands Winterbach von Bündnis 90/Die Grünen war am Mittwoch letzter Woche Prof. Dr. Bernd Thomas von der Hochschule Reutlingen in die Kelter in Winterbach gekommen und hat vor einem bis auf den letzten Platz voll besetzten Saal über das allen auf den Nägel brennende Thema „Wie können wir morgen heizen?“ referiert.

In seinem Vortrag ging es Bernd Thomas um Lösungen, mit denen mittel- und langfristig die gesteckten Klimaziele erreicht werden können. In den Mittelpunkt seiner Ausführungen stellte er deshalb ein neues Konzept der Bundesregierung, das sich zur Zeit noch in der Beratung befindet. Kernaussage dieses Konzeptes ist, dass beim Einbau von neuen Heizungen ab 2024 mindestens 65% erneuerbare Energien zum Einsatz kommen müssen. Das ist eine gewaltige Herausforderung, da bei der Wärmegewinnung heute erst 17% erneuerbare Energien zum Einsatz kommen, während beim Strom der Anteil erneuerbarer Energien heute schon bei 41% liegt. Dazu kommt noch, dass der Energiebedarf bei Wärme mehr als doppelt so hoch ist wie bei Strom.

Um die genannten 65% zu erreichen, gebe es im Wesentlichen 6 Erfüllungsoptionen, wobei Bernd Thomas bei der Erläuterung der einzelnen Konzepte auf die Voraussetzungen für eine Umsetzung einging und auf Vor- und Nachteile verwies:

  1. Anschluss an ein WärmenetzWärmenetze lassen sich relativ einfach und (kosten)effizient auf erneuerbare Energien umstellen lassen. In Privathäusern ist die technische Umsetzung sehr unkompliziert, es besteht kein Wartungsaufwand und kaum Platzbedarf. Problematisch ist, dass es außerhalb der Ballungsräume kaum Wärmenetze gibt. Hier sind die Kommunen sehr stark gefordert, in Verhandlungen mit Bertreibern einzutreten.
  2. Einbau einer Wärmepumpe mit der Wärmequelle Luft, Erdreich oder WasserRealistisch ist Luft als Wärmequelle zu verwenden. Erdreich als Wärmequelle ist sehr kostenintensiv, bei Wasser (Grundwasser) ist die Verfügbarkeit sehr problematisch und die Entnahme von Grundwasser ist genehmigungspflichtig. Die Wärme kann komplett erneuerbar bereitgestellt werden, da mehr als 65% der Wärme direkt aus der Umgebung stammen und der verbrauchte Strom aktuell bereits zu 41% erneuerbar ist – mit steigender Tendenz. Ein Problempunkt ist, dass Wärmepumpen nur relativ geringe Vorlauftemperaturen von 55° erreichen, was bei älteren Gebäuden größere Heizkörper und ggf. eine thermische Teilsanierung des Gebäudes erfordert. Wärmepumpen können hervorragend mit einer Photovoltaikanlage (am besten mit Batteriespeicher) kombiniert werden oder auch zum Kühlen des Gebäudes eingesetzt werden (reversible Wärmepumpen).
  3. Einbau einer Hybridheizung

Eine Hybridheizung ist ein Heizsystem, bei der max. 35% des Wärmebedarf auf Basis fossiler Brennstoffe wie Gas oder Öl gedeckt werden. Sie eignet sich insbesondere für Bestandsgebäude, bei denen eine Wärmepumpe allein nicht zur Deckung des Wärmebedarfs ausreicht. Da mindestens zwei Wärmeerzeuger notwendig sind und aufeinander abgestimmt werden müssen, ergeben sich höhere Anforderungen an die Regelungstechnik sowie höhere Anschaffungskosten.

  1. Einbau einer StromdirektheizungAufgrund der geringen Effizienz ist eine Stromdirektheizung („Heizlüfter“) nur bei sehr gut gedämmten Gebäuden mit sehr niedrigem Wärmebedarf sinnvoll und stellt somit eine „Nischenlösung“ dar. Der Betrieb mit Strom aus dem Netz ist möglich, da davon auszugehen ist, dass der erneuerbar erzeugte Strom im Netz schrittweise einen Anteil von 65% erreicht.
  2. Einbau einer Biomasseheizung auf Basis von fester oder flüssiger BiomasseHierunter versteht man in erster Linie das Heizen mit Holz und Pelletheizungen. Flüssige Biomasse spielt keine realistische Rolle. Das Hauptproblem ist, dass die Verfügbarkeit von Biomasse stark begrenzt ist. Hinzu kommt, dass die Verbrennung von Biomasse zur alleinigen Bereitstellung von Gebäudewärme (in Holz- oder Pelletkesseln) den Brennstoff nicht optimal ausnutzt. Besser ist die Verbrennung in Heizkraftwerken mit paralleler Stromerzeugung (und Bereitstellung von Fernwärme, s. Punkt 1). Außerdem ist die Feinstaubbelastung bei Holzfeuerungen nicht zu vernachlässigen. Daher wird diese Technik bei der Umsetzung des Konzepts der Bundesregierung möglicherweise nur eine nachrangige Rolle spielen.
  3. Einbau einer Gasheizung unter Nutzung von grünen GasenUnter grünen Gasen versteht man Biomethan (auf Erdgasqualität aufbereitetes Biogas aus nachhaltiger Produktion) oder grünen Wasserstoff (aus der Elektrolyse auf Basis von erneuerbar erzeugtem Strom, schlechter Wirkungsgrad)). Es ist ein Nachweis erforderlich, dass das im Gaskessel eingesetzte Gas mindestens 65% grüne Gase enthält. Wie bei der Biomasse ist die Verfügbarkeit begrenzt. Deshalb ist auch hier von einer Nachrangigkeit auszugehen.

Kurz ging Bernd Thomas auch auf die Warmwasserversorgung, Übergangsfristen und Fördermöglichkeiten ein. Hier ist auf die im Netz (wpgruen.gruene-winterbach.de) bereitgestellten Folien zu verweisen.

In einem Fazit unterstrich Bernd Thomas, dass ein massiver Ausbau der erneuerbaren Stromerzeugung mittels PV- und Windkraftanlagen sowie zugehöriger Netzausbau und Speichertechnik Voraussetzung ist für den aus Sicht des Klimaschutzes zwingend erforderlichen vermehrten Einsatz erneuerbarer Energien zur Gebäudebeheizung. Dabei seien die favorisierten Methoden der Anschluss an Wärmenetze oder der Einbau einer Wärmepumpe, wobei es Ausweich- und Übergangslösungen geben werde, etwa durch Biomasse oder grüne Gase. Außerdem sei die Energiewende nicht zum „Nulltarif“ zu haben, die Investitionen zahlten sich aber zukünftig aus. Zusätzlich müsse es zur Vermeidung sozialer Härten eine staatliche Unterstützung geben.

Die beim Vortrag gezeigten Folien können von der website wpgruen.gruene-winterbach.de heruntergeladen werden.

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Hans Hertha-Haverkamp, 1. Sprecher OV-Winterbach

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