Rede zum 1. Mai von Hermann Kolbe

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Liebe Winterbacher Mitbürger, liebe Gemeinderäte und Gäste!

Ich freue mich, dass ich heute die Rede zum 1. Mai halten darf! Ich stehe in der Mitte einer Gemeinde, in der ich gern lebe. Wir feiern den Tag des Frühlingsbeginns inmitten des herrlichen jungen Grüns der Bäume in ihren weißen Blütenwolken, aber auch den Tag von Arbeit, Leistung und damit natürlich des Arbeitsertrags.

Wir leben in einer Gemeinde, die in den letzten Jahren wirklich viele und vorbildliche Leistungen für Ihre Bürger bereitgestellt hat. Eine Gemeinde, in der die Verwaltung spürbar für ihre Bürger da ist, die Bürger jedoch auch für ihre Gemeinde.

Das zentralste Beispiel dafür, wie die Gemeindeverwaltung ihre Bürger ernst nimmt, ist die Art, wie sie sie gleich im Eingangsbereich des Rathauses von einem Bürgerbüro empfängt. Ein Beispiel für das Engagement der Bürger für ihre Gemeinde sind die vielen und planmäßigen Aktivitäten des Heimatvereins und der vielen anderen Vereine. Ein Beispiel für ein spontanes Engagement aus der Mitte der Bürgerschaft, sind die zahlreichen Aktivitäten gegen die Mordversuche gegen unsere fremdsprachlichen Mitbürger in den letzten 12 Monaten im Schulterschluss mit unserer Gemeindeverwaltung.

Wir leben in einem Land mit 60 jähriger demokratischen Tradition und fühlen uns wohl.

Warum ist das so? Ich glaube an 2 Gründe, die sich bedingen.

Zum einen natürlich: Der Commonsense, der Gemeinschaftsgeist seiner Bürger. Zum anderen eine gesellschaftliche Bedingung, die das Wohlfühlen erst ermöglicht. Erst das Ergebnis dieser Bedingung ist das Wohlfühlen, das Sie und ich verspüren, wenn wir uns heute umschauen.

Aber welche ist das? Ich finde, das sollte näher betrachtet werden, weil so ein Begriff wie „Wohlfühlen“ sonst schnell zu einem unklaren Allerweltswort verkommt, das er aber nicht ist! Sowohl die Bedingung als auch das Wohlfühlen lassen sich nämlich messen und damit begrifflich fassen!

Ist es unser Reichtum?
Deutschland ist Exportvizeweltmeister! Dann müsste aber mit jedem Exporterfolg unser Wohlfühlen steigen!

Das tut es aber nicht!

Mit einer zentralen Untersuchung wurde bewiesen, was wirklich zählt.
Es ist eine Tatsache, die zum Handeln herausfordert, um diese Voraussetzung für unser aller Wohlfühlen auch in Zukunft zu erhalten, denn sie ist bedroht:

Will man Wohlfühlen messen, misst man das Ausmaß seines Gegensatzes, des Elends, des Unglücks. Das ist viel leichter zu messen:
Es sind dies
die Kriminalität,
 die Häufigkeit der Kindersterblichkeit,
der Morde,  
der Selbstmorde,  
der Anzahl der Strafgefangenen,
der Alkoholiker,
der Psychosen und anderer psychischer Erkrankungen in einem Volk. Selbst geringe Bildungschancen und damit die geringe Wahrscheinlichkeit von sozialen Aufstiegschancen gehören dazu!

Alles natürlich im Verhältnis zur Bevölkerungsgröße!

Jede einzelne dieser Zahlen wäre nicht aussagekräftig für Glück und Unglück, für Wohlfühlen. In der Gesamtheit sehr wohl!

Deutschland schneidet im internationalen Vergleich dabei besser ab als Frankreich und England, viel besser als die USA und schlechter als die skandinavischen Staaten. Insgesamt ist es im Verhältnis zu allen anderen Industriestaaten besserer Durchschnitt. Aber warum?

Beim Versuch, dies zu ergründen, kam die Sozialwissenschaft auf ein verblüffendes Phänomen: Es ist wie gesagt nicht das Prokopfeinkommen, wie man sofort meinen könnte! So sind die USA zB viel reicher als wir, haben aber die schlimmsten gesellschaftlichen Verhältnisse aller Industriestaaten.

Es ist eine Bedingung, die Sie sicher nicht erwartet hätten:

Es ist das Ausmaß an sozialer Ungleichheit in einer Gesellschaft! Je geringer die Ungleichheit desto weniger psychisches Elend, Kriminalität und alle die vorher genannten Phänomene!

Was bedeutet das konkret: soziale Ungleichheit?

Ungleichheit wird beispielsweise gemessen am Anteil des Vermögens, das die 10% reichsten Bürger im Vergleich zum Rest haben.
Oder aber am Vielfachen, das die Vorsitzenden der Dax- Unternehmen im Verhältnis zum Durchschnitt ihrer Mitarbeiter verdienen.
Oder etwa am Anteil der sogenannten Massensteuern, also der Lohn- und Einkommenssteuern von uns Angehörigen der Mittelschicht am Gesamtsteueraufkommen im Verhältnis zu den Vermögenssteuern.


All diese Verhältnisse beginnen sich auch bei uns unheilvoll zu verändern. Die Leserbriefe der Zeitungen sind voll von Unbehagen und Ärger. Nach AOK- Angaben nahmen von 1995 bis heute die psychisch begründeten Krankheiten um 80% zu!

Gibt es tatsächlich noch jemand, der die Trinkexzesse einer jugendlichen Minderheit nicht mit deren Zukunftsängsten in Verbindung bringt?

Überprüft man dann die messbare Ungleichheit in Deutschland, so findet man denn auch,
betreffend Besitz:

  • 1% der Bevölkerung besitzen mehr als 90%. 1970 besaß das  reichste Zehntel der Gesellschaft nur 44 % allen Besitzes. 2011 waren es 66%. Tendenz steigend. Geld vermehrt sich ja ohne jede Anstrengung. Geld ist hier vielmehr Leistung.


betreffend Einkommen:

  • Die Vorstandsvorsitzenden der Dax- Unternehmen verdienen das 50- fache von dem, was der durchschnittliche Angestellte ihrer Unternehmen verdient. Vor 25 Jahren war das noch nur 14-mal so viel. Der durchschnittliche Unternehmer kommt übrigens nur auf das 15fache, während er 1995 auf das 8fache kam. Die Reallöhne der übrigen Bevölkerung sanken dagegen seit 2000 real um 4%.
  • Der Anteil der Massensteuern am Gesamtsteuereinkommen betrug 2011 71%. 1960 zu Zeiten von Ludwig Ehrhard nur etwa die Hälfte, 38%. Die Steuern auf den Kapitalgewinn betrugen 2011 19%; im Jahr 1970 waren es noch fast doppelt so viel.


Dennoch haben wir noch nicht die US- Situation, wo es zB fünfmal so viel Angstpatienten gibt wie bei uns! Der Anteil an Ungleichheit ist im Verhältnis zu vielen anderen Staaten immer noch zu gering, als dass er sich auf Engagement und ein zentrales Wohlfühlen von uns allen auswirken würde! Das sieht man an unseren vergleichsweise geringen Kriminalitätsraten.

Ich glaube und hoffe jedoch, dass die Bekämpfung der Ungleichheit eine Aufgabe aller Parteien und jedes Einzelnen ist, denn Ungleichheit ist ein Demokratie- Killer! Davon waren nach dem Ende unserer NAZI - Diktatur alle Parteien überzeugt!

Die Mediziner Wilkinson und Pickett, die die vorgestellte Studie erhoben, schreiben: „Wächst die Ungleichheit, dann sorgen sich die Menschen weniger umeinander; es gibt weniger gleichberechtige Beziehungen, weil jeder schauen muss, wo er bleibt; zwangsläufig sinkt auch das Niveau des Vertrauens…. –Wer in einer Gesellschaft aufwächst, in der es gilt, anderen mit Misstrauen zu begegnen, ständig auf der Hut zu sein und sich alles zu erkämpfen, braucht natürlich ganz andere Fähigkeiten als in einer Gesellschaft, in der es auf Mitgefühl, Gegenseitigkeit und Kooperation ankommt.“

Sie setzen vor allem auf einen Ausbau der wirtschaftlichen Demokratie, also auf Mitbestimmung sowie die Stärkung von Betriebsräten.

Damit sind wir wieder beim Tag der Arbeit, der Leistung und des Ertrags der Arbeit!

Ich schließe in diesem Sinn mit einem Wort von Ludwig Erhard, der mit seinem Credo "Wohlstand für alle" nicht den Versorgungsstaat meinte, sondern die Kontrolle des Besitzes und gerechte Löhne für alle. Würde heute der Besitz in Deutschland nach demselben Schlüssel aufgeteilt, wie vor 40 Jahren, so hätte jeder Deutsche, dh auch jedes Kind!- 20 000,-€ mehr.
Ludwig Erhard 1964: „ So bin ich der Meinung, dass eine Wirtschaftsverfassung anzustreben ist, die immer weitere und breitere Schichten unseres Volkes zu Wohlstand zu führen vermag. Am Ausgangspunkt stand der Wunsch über eine breitgeschichtete Massenkaufkraft die alte konservative soziale Struktur endgültig zu überwinden.“
Unsere Demokratie ist ein Gemeinschaftswerk! Erhalten wir sie!

Ich danke Ihnen für Ihre Aufmerksamkeit!

Hermann Kolbe

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